Verfasst von: edelluc | Oktober 14, 2010

Briefe eines Soldaten (1914-1915) – 11

14. Oktober, 1914

Es ist wahr, liebe Mutter, dass Verzicht sehr viel Anstrengung kostet. Aber sei sicher, dass wir beide über die nötige Seelenkraft verfügen, um diese schwierigen Stunden durchzustehen, ohne dass uns der Atem im Verlangen auf eine Rückkehr schmerzlich stockt.

Das Tolle daran ist, dass einem der Wert des Augenblicks bewusst wird und man alles Gute und Schöne und Erbauende darin hervorzubringen vermag. Für den Rest kann niemand auf Dauer garantieren, und es wäre auch vergeblich, sinnlos und quälend, zu leben, indem man sich fragt, was uns wohl passieren wird. Glaubst Du nicht auch, dass das Leben uns viel Segen gebracht hat, wie dieses letzte und größte Geschenk, dass wir miteinander kommunizieren können und so weiter vereint sind? Es gibt so viele unglückliche Menschen hier, die nicht wissen, wo ihre Frauen und Kinder sind, die für drei Monate von allem isoliert waren. Du siehst, wir gehören noch immer zu den Glücklichen.

Liebe Mutter, weniger denn je sollten wir verzweifeln, sondern vielmehr wirklich davon überzeugt sein, dass all diese Unruhen und der ganze Wahn der Menschheit nichts sind, im Hinblick auf die Ewigkeit, die jeder mit sich trägt, und dass all diese Ungeheuerlichkeiten in eine bessere Zukunft münden werden. Dieser Krieg ist eine Art Katastrophe, die den alten physikalischen Umbrüchen unseres Globus’ folgt, aber hast Du bemerkt, dass in der Mitte von all dem, etwas unserer Seele von uns gegangen ist, und dass wir etwas von unserem Glauben an eine höhere Ordnung verloren haben? Unsere Leiden resultieren aus der Tatsache, dass unsere menschliche Geduld so gering ist, wenn es darum geht, die gleiche Richtung wie unsere Wünsche einzuschlagen, so edel sie auch sein mögen. Aber sobald wir beginnen, Dinge zu hinterfragen, um Ihre wahre Harmonie zu entdecken, kommt unsere Seele zur Ruhe. Wie können wir wissen, dass diese Gewalt und diese Unordnung nicht die Schicksale dieser Welt zu einem guten Ende führen?

Liebe Mutter, noch immer die festesten und menschlichsten Hoffnungen hegend, sende ich Dir und meiner geliebten Großmutter meine tiefste Liebe.

Übermittle all meine Liebe auch unseren Freunden, die in Schwierigkeiten sind. Hilf ihnen, alles zu ertragen: Zwei Kreuze sind weniger schwer zu tragen, als nur eines. Und glaube an unsere ewige Freude.

Übersetzung aus dem Englischen von „Letters of a soldier (1914-1915)“

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