Verfasst von: edelluc | September 20, 2010

Tagebuch einer Krankenschwester an der Westfront im 1. Weltkrieg (1914-1915) – 2

Sonntag, 20. September 1914, Le Mans, Zugsstation

Wir begannen mit Frühdienst im Schulspital der Jesuiten um 6 Uhr 30 und den Rest des Tages werde ich wohl nie vergessen.

Der Kampf um die verschanzten Positionen der Deutschen hinter Reims war so fürchterlich, dass seit letztem Sonntag die Opferzahl gewaltig gestiegen ist. Drei Züge voll mit Verwundeten, zusammen 1175 gezählte Fälle, wurden an der Station abgegeben; wir wurden um 11 Uhr morgens hingeschickt. Der Zug, dem ich zugeteilt wurde hatte 510 Fälle. Wir betraten einen Viehwagon, bewaffnet mit einem Tablett mit Verbandsmaterial und einem Eimer; die Männer lagen auf Stroh; sie waren wohl schon seit mehrere Tagen in Zügen; sie waren anscheinend nur einmal versorgt worden und viele hatten Wundbrand. Wenn wir einen fanden, der dringend eine Amputation, eine Operation brauchte oder im Sterben lag, riefen wir einen medizinischen Offizier, um ihn aus dem Zug ins Spital zu bringen. Niemand murrte oder regte sich auf.

Dann schlossen wir uns dem Gedränge in der Verbandsstation an und für Stunden waren  Doktoren aller Ränge, Schwestern und Pfleger damit beschäftigt, bei einem Strom von Krankenbahren anzupacken, um hinkende, taumelnde, bärtige, dreckige, abgerissene Männer zu versorgen, sie für die Motorambulanz zu den Spitälern zu markieren oder sie zurück zu den Zügen zu schicken, nachdem sie versorgt waren. Der Bahnsteig war bald vollgepackt mit Bahren mit all den schlimmen Fällen, die ruhig darauf warteten ins Spital gebracht zu werden.

Wir schnitten die Seidenweste eines schmutzigen Offiziers, der nach einem Brigadier aussah ab, der mit einer Wunde durch seine Lunge im Sterben lag. Die „Black Watch“ und Camerons waren nahezu unkenntlich in ihren Fetzen. Die Schichtverbände sind in einer Jodtinktur getränkt; man versucht nichts weiter, als die Oberfläche mit Lysol abzutupfen und dann mit in Jod getauchter Gaze zu arbeiten. Es waren nahezu nur Schrapnellwunden – grauenvoller als alles was ich je gesehen oder gerochen habe. Die „Mauser“-Wunden der Burenkriege waren Dornenstiche dagegen. Es gab auch einen Zug mit verletzten Franzosen, die auf der anderen Seite der Station verbunden wurden, mit einer Menge merkwürdig fröhlicher „Zouaves“ (franz. Infantriesoldaten).

Der guten Organisation der Leute des No. – Clearing Hospitals war es zu verdanken, dass es keine wirkliche Verwirrung den ganzen Tag lang gab. Jeder Mann bekam zu essen, wurde verbunden und aussortiert. In den zwei Spitälern werden sie heute Nacht harte Zeiten haben mit den Fällen, die ihnen von den Zügen aus gesandt wurden.

M. und ich haben jetzt – 21 Uhr – die Aufsicht über einen Zug mit 141 (mit einem medizinischen Offizier und zwei Krankenpflegern)  für St. Nazaire; Wir springen bei den Stationen raus und sehen nach ihnen. Die Pfleger und die Leute an der Station geben ihnen zu essen. Wir haben die schlimmsten Fälle in unserer Nähe. Wir kommen möglicherweise morgen in der Früh an und wenn sie aus dem Zug gebracht wurden, fahren wir zurück und kommen vielleicht am Mittwoch wieder in Le Mans an. Wir haben auch die besten Überbleibsel der Züge des Tages dabei – eine wunderbar fröhliche Menge. Mampfen Brot und Marmelade, trinken ihre kleinen Teerationen und gerade wurden Decken ausgegeben.  Wir selbst haben eine Wolldecke, eine Ration Brot, Tee und Marmelade; Abendessen hatten wir in der Station.

Wenn ich über unsere Rot-Kreuz Ausbildung für Soldaten nachdenke, und die grauenvolle Realität sehe, wundere ich mich. Über den Mut, das größte Wunder von allen, der in ihnen steckt und über den Preis, den sie persönlich und ungefragt zahlen für ihren kleinen Beitrag in diesem Krieg.

Übersetzung aus dem Englischen von „Diary of a nursing sister on the Western Front 1914-1915″

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